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Bericht zum Fachgespräch „Transnationale Familienbeziehungen:  Unterstützung hilfe- und pflegebedürftiger Eltern und Großeltern“

Foto Fachgespräch Migration

[21. 7. 2022] Trotz großer Fortschritte der Migrationsforschung in den letzten Jahrzehnten gibt es immer noch offene Fragen hinsichtlich der transnationalen Unterstützungsbeziehungen zwischen den Generationen. Die besonderen Schwierigkeiten, vor denen pflegebedürftige ältere Menschen und ihre Angehörigen in transnationalen Familienbeziehungen stehen, werden selten in pflege- und familienpolitischen Kontexten diskutiert. Darüber hinaus zeigen sich sowohl Wissens- als auch Umsetzungsdefizite was die bedarfsgerechte Ausgestaltung sozialstaatlicher Hilfsangebote für transnationale Familien mit hilfe- und pflegebedürftiger (Groß-) Eltern angeht.

 

Die oben genannten Aspekte standen im Mittelpunkt des Fachgesprächs am 6. Juli 2022, das gleichzeitig dem besseren Kennenlernen und der Vernetzung von Akteuren des familienpolitischen Bereichs und migrantischen Selbstorganisationen diente.

Spezifische Herausforderungen der Unterstützung hilfe- und pflegebedürftiger Eltern und Großeltern in transnationale Familienbeziehungen stellen sich in verschieden Familienkonstellationen. Es handelt sich unter anderem um Familien bei denen die erwachsenen Kinder im Erwerbsalter migriert und ihre älter werdenden Eltern im Herkunftsland zurückgeblieben sind. Oder es sind Familien, bei denen die Eltern oder Großeltern nach dem Erwerbsleben in Deutschland in ihr Herkunftsland zurückgekehrt sind und die erwachsenen Kinder und Enkel in Deutschland bleiben. Ferner kann es sich um Familien handeln, bei denen die Eltern oder Großeltern als Pendelmigranten ihren Lebensabend temporär in Deutschland und temporär im Herkunftsland verbringen möchten.

Schon der 3. Altenbericht der Bundesregierung stellte im Jahr 2000 fest, dass die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft – aber auch von Teilen der professionellen sozialstaatlichen Unterstützungsakteure – zu den (transnationalen) familialen Unterstützungsnetzen im Wesentlichen an Extremen orientiert seien: Die Familien gelten entweder als zerrissen durch die Migration. Unter dem Akkulturationsdruck der deutschen Gesellschaft habe sich die Kindergeneration von der Elterngeneration entfremdet und sei zunehmend abgeneigt, den Alten zu helfen. Oder auf der anderen Seite wird ein idealisierendes Bild der Migrantenfamilien entworfen: Unverbrüchliche Solidarität präge die Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen, in denen ein enormer Transferstrom von materiellen Gütern und Unterstützungsleistungen fließe.
Um solche auch heute weiterwirkenden Stereotype mit neueren Forschungsergebnissen zu kontrastieren war Herr Dr. David Schiefer vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung für einen einführenden Input eingeladen.

Andere AGF-Aktivitäten im Bereich Pflege

Das Fachgespräch zu den spezifischen Problemlagen und Bedarfen bei Transnationalen Familienkonstellationen schloss an eine Reihe von Veranstaltungen an, die die AGF zur Versorgung älterer Familienmitglieder mit Betreuungs- und Pflegebedarf in den letzten Jahren durchgeführt hat. So hatte sich die AGF beispielsweise mit dem aktuellen Altenbericht und dem Thema der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Pflege von älteren Familienangehörigen beschäftigt und ein Fachgespräch zu Familien mit chronisch erkrankten Familienangehörigen durchgeführt. Im letzten Jahr gab es eine internationale Veranstaltung zur Unterstützung älterer Menschen in Privathaushalten durch ausländische Betreuungskräfte, den sogenannten Live-in Betreuungen, durchgeführt. Dabei standen die Folgen für Familien in Deutschland aber auch für die Kinder und älteren Angehörigen in den osteuropäischen Entsendeländern im Zentrum. Weiter arbeitet die AGF im Beirat des Familienministeriums zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf aktiv mit.

Transnationale Familien

Foto  Dr. Schiefer Nach Dr. Schiefer charakterisieren sich transnationale Familien dadurch, dass sie in zwei oder mehr Staaten getrennt voneinander leben, aber dennoch ein Gefühl der gemeinschaftlichen Familienidentität und Verbundenheit haben und über die Grenzen hinweg Fürsorgeverantwortung für einander übernehmen. „Echte“ transnationale Familien wiesen darüber hinaus familiäre Netzwerke in den jeweiligen Ländern auf und nicht nur einzelne oder verstreute Familienmitglieder.
Zu den transnationalen Praktiken, durch die eine grenzüberschreitende Familienidentität im Sinne von „doing family“ geschaffen und aufrechterhalten wird, gehörten beispielsweise die Kommunikation, die Unterstützung und Fürsorge sowie Besuche.

Die regelmäßige Kommunikation sei zentral für das Herstellen von „Nähe trotz Distanz“. Durch die technische Entwicklung hätte sich hier eine Beschleunigung des Austauschs ergeben. Informationen, die früher mit entsprechenden Wartezeiten per Brief ausgetauscht worden seien, könnten heute per Email, Messenger, Telefon und Videogesprächen zeitnah besprochen werden. Allerdings habe der Brief noch immer einen hohen Stellenwert als persönliches und bedachtsames Medium. Was die spezifische Kommunikation über die Situation und Hilfebedarfe von Eltern und Großeltern angehe, seien hier Mechanismen zu beobachten, die auch bei anderen „heiklen“ Themen aufträten. So gäbe es zum Teil ein kommunikatives Machtgefälle durch Nähe und Distanz. Geschwistern, die in räumlicher Nähe zu den alten Eltern lebten seien häufig besser informiert über die gesundheitliche Situation der Eltern als Geschwister in einem anderen Land. Das Phänomen der Nichtkommunikation, also über bestimmte Dinge nicht zu sprechen, komme hier ebenfalls zum Tragen, könne aber zum Teil als Fürsorge und Schonung der in der Distanz lebenden Angehörigen interpretiert werden.

Zur transnationalen Fürsorge und Unterstützung innerhalb von Familien zählten sowohl auf echte Bedarfe der Familien zielende Leistungen als auch eher symbolische Handlungen und Geschenke. Instrumentelle Unterstützung sei Dank neuer technischer Möglichkeiten auch über die Distanz möglich. Dazu gehöre zum Beispiel die Organisation von Pflege und Hilfe für Angehörige in einem anderen Land. Emotionale Unterstützung über Distanz beinhalte u.a. das Zuhören und Trösten bei Problemen. Transnationale Beziehungen würden geschwächt, wenn beispielsweise Enkel aufgrund des Nicht-Erlernens der Herkunftssprache der Familie nicht mit Großeltern kommunizieren könnten. Besuche dienten dazu, die Beziehungen immer wieder aufzufrischen und die Realitäten der anderen Familienmitglieder vor Ort besser zu verstehen. Besuche würden aber trotz positiver Effekte von einigen Familien eher als ambivalent erfahren, da sie aufgrund der hohen Erwartungen an die Besuche und des ggf. engen Zusammenlebens für die Zeit des Besuches auch Stress auslösten.
Finanzielle Transfer an Familienmitglieder hätten für Familien eine hohe Bedeutung. Bei hilfebedürftigen Eltern oder Großeltern können sie dazu beitragen, Kranken- und Pflegekosten zu finanzieren. Jedoch beinhalteten die finanziellen Überweisungen manchmal auch symbolische Komponenten, wenn im Herkunftsland kein echter finanzieller Bedarf bestehe. Der Effekt läge dann zum Teil eher bei den Sendern, die ansonsten vielleicht stärker Schuldgefühle bzw. Scham darüber empfänden, keine instrumentelle und emotionale Unterstützung vor Ort leisten zu können.

Beeinflusst würden die transnationalen familiären Praktiken und gegenseitigen Unterstützungsbeziehungen unter anderem durch dominierende Altersbilder, Vorstellungen zu familiären und Geschlechterrollen, die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten durch räumliche Entfernung, die familiäre wirtschaftliche Situation und die emotionalen Verbindungen innerhalb der Familien. Insgesamt seien transnationale Beziehungen erwachsener Kinder zu Eltern im Ausland in Deutschland keine Seltenheit. Auch wenn die Familienbeziehungen sehr divers seien, würden intergenerationale Fürsorge und Unterstützung und über die Grenzen hinweg häufig aufrechterhalten. Dies sei aber deutlich aufwändiger als bei Familien, die in enger räumlicher Nähe lebten.

 

Diskussion und Erfahrungen der Teilnehmenden Organisationen

Foto Diskussion Die teilnehmenden Selbstorganisationen berichteten vor dem Hintergrund der Erfahrungen in ihrer Beratungsarbeit über spezifische Probleme der jeweiligen Migrant:innengruppen. Es wurde deutlich, dass ein sehr unterschiedlicher Problemdruck in Hinblick auf die Unterstützung pflege- und hilfebedürftiger Eltern und Großeltern je nach Herkunftsland besteht. Bei Herkunftsländern, aus denen seit relativ kurzer Zeit junge Arbeitskräfte beispielsweise für die IT-Berufe rekrutiert würden, sei das Thema bisher kaum relevant. Die Eltern im Herkunftsland seien in der Regel noch nicht sehr alt. Bei Familien aus den klassischen Gastarbeiteranwerbeländern sei das Thema relevanter, auch wenn sich auch dort Migrant:innen der ersten Generation mit denen der zweiten und dritten Generation vermischten. Eine weitere Differenzierung der Problemlagen fände sich zwischen den Migrant:innen aus EU-Staaten, denen aus Drittstaaten sowie Geflüchteten. Besonderheiten fänden sich auch in der Gruppe der binationaler Partnerschaften, da dort unterschiedliche Wertvorstellungen hinsichtlich der Versorgung älterer Familienmitglieder kollidieren könnten.

Foto DiskussionÜbereinstimmend wurde festgestellt, dass die Schwierigkeiten, die mit der transnationalen Unterstützung älterer Familienangehöriger verbunden sind, noch immer in den Communities als individuelle Probleme wahrgenommen würden, die jeder für sich selbst lösen müsse. So würde es beispielsweise weitgehend als „normal“ angesehen, dass Migrant:innen sehr hohe indirekte Kosten, wie den Einsatz des gesamten Jahresurlaubs für die Pflege von Eltern im Heimatland, zu tragen hätten.


Dem stellte der Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf die Sichtweise entgegen, dass die Einwanderungsländer stärker die Situation von Angehörigen mit Migrationsgeschichte, die pflegebedürftige Eltern im Ausland haben, in den Blick nehmen müssten. Deutschland beispielsweise bemühe sich weltweit, qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen. Diese Fachkräfte hätten aber auch Eltern, die mit steigendem Alter einen Hilfe- und Pflegebedarf entwickelten. Für diese Gruppe sei der Staat in der Pflicht, die Vereinbarkeit von Beruf und transnationalen Pflege- und Unterstützungsaufgaben zu verbessern.

Herr Dr. Schiefer hatte in seinem Vortrag bereits ausgeführt, dass er auf vier Ebenen politische Ansatzpunkte zur Verbesserung der Unterstützungsfähigkeit für ältere Familienmitglieder im transnationalen Familien sieht. Dies beträfe die staatlichen Migrations-, Aufenthalts- und Integrationsregelungen, staatliche Unterstützungssysteme für ältere Menschen, Regelungen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege- und Erwerbsarbeit sowie die Infrastruktur für Informations-, Kommunikationstechnologien und Mobilität.

Aus dem Kreis der Migrant:innenorganisationen kamen weitere Vorschläge, wie die spezifischen Zusatzbelastungen bei der transnationalen Unterstützung älterer Familienmitglieder reduziert werden kann.  Zu den genannten Maßnahmen zählten u.a. die Erleichterung des Familiennachzugs für ältere Familienmitglieder, die Schaffung für Optionen in der Pflegeversicherung, die eine „Mitnahme“ von Leistungen im Fall der Remigration ermöglicht sowie die Förderung von Arbeitszeitmodellen, die die Unterstützung im Ausland lebender pflegebedürftiger Eltern und Großeltern erleichtern.

 

Weiterführende Veranstaltung

Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf wird das Thema bei ihrer familienpolitischen Fachtagung in Frankfurt am 15. September 2022 weiter vertiefen. Der Titel der Tagung lautet: „Familienpolitik über Grenzen - transnationale Familienverhältnisse und Alter“.