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Fachgespräch zur Europäischen Kindergarantie: Ernährungssituation der Kinder in Deutschland

Cover Child Guarantee

[30. 6. 2021] Am 31. Mai hat die AGF gemeinsam mit der Plattform und Ernährung e. V. (peb) ein digitales Fachgespräch zur europäischen „Kindergarantie“ mit dem Schwerpunkt "Kinderernährung" ausgerichtet. Wie steht es um die Kinderernährung in Deutschland? Was ist der ernährungsrelevante Inhalt der Europäischen Kindergarantie und was muss Deutschland tun, um diese national umzusetzen? Welche Erfahrungswerte und Empfehlungen sollte die Politik in Deutschland in dem im Rahmen der Child Guarantee vorgesehenen nationalen Aktionsplan berücksichtigen? Diesen Fragen gingen die Expert:innen in einem Online-Fachgespräch nach.

 

Hintergrund: #EUChildGuarantee – Die „Europäische Garantie für Kinder“

Mit der Europäischen Garantie für Kinder reagiert die EU auf die hohe Zahl von bedürftigen Kindern, die von sozialer Ausgrenzung und mangelnden Teilhabechancen betroffen sind. Nach einem längeren Entstehungsprozess hatte die Europäische Kommission einen konkreten Vorschlag dazu veröffentlicht, der als Grundlage der Fachgesprächsdiskussion diente. Die Initiative hat das Ziel, bedürftigen Kindern Zugangsrechte zu grundlegenden Ressourcen einzuräumen, die sie für ihr Wohlergehen und ihre Entwicklung benötigen. Die zielgruppenorientierte Child Guarantee ist dabei eingebettet in die universelle europäische Kinderrechte-Strategie, die am 24. März veröffentlicht wurde.

 

Als bedürftige Gruppen stuft die Europäische Kommission armutsbedrohte Kinder in prekären familiären Situationen ein. Aber auch andere Formen der Benachteiligung von Kindern, die eine gesellschaftliche Inklusion und Teilhabe erschweren können, werden von der Child Guarantee adressiert. Dazu zählen Obdachlosigkeit, Behinderung, Migrationshintergrund, ethnische Diskriminierung und Heimerziehung.

 

Die Zugangsrechte für bedürftige Kindern betreffen die folgenden Bereiche:

  • Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung,
  • unentgeltliche Bildung,
  • kostenlose Betreuungseinrichtungen,
  • angemessene Wohnverhältnisse und
  • geeignete Ernährung.

 

Nach dem Fachgespräch wurde am 14. Juni die Endfassung der Child Guarantee vom Europäischen Rat verabschiedet. Darin werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, innerhalb von neun Monaten einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Child Guarantee für den Zeitraum bis 2030 vorzulegen.

 

Jedem Kind eine gesunde kostenfreie Mahlzeit pro Tag

In Deutschland begleitet die AGF den Prozess der Implementierung der Child Guarantee mit Fachgesprächen zu den oben genannten Kernpunkten der Kindergarantie. AGF-Geschäftsführer Sven Iversen stellte den Hintergrund der Kindergarantie sowie das Einzelziel des Themenbereichs Ernährung vor: „bedürftigen Kindern einen effektiven Zugang zu ausreichender und gesunder Ernährung zu gewährleisten“. Er erläuterte, dass im Entwurf der Europäischen Kommission die Mitgliedsstaaten u.a. aufgefordert seien,

  1. „den Zugang zu gesunden Mahlzeiten auch außerhalb der Schultage zu fördern, auch durch Unterstützung in Form von Sach- oder Geldleistungen;
  2. zu gewährleisten, dass die Ernährungsstandards in Einrichtungen der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung und anderen Bildungseinrichtungen spezifischen Ernährungsbedürfnissen Rechnung tragen;
  3. Werbung für Lebensmittel mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt einzuschränken und deren Verfügbarkeit in Einrichtungen der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung und in anderen Bildungseinrichtungen zu begrenzen;
  4. Kindern und Familien angemessene Informationen über die gesunde Ernährung von Kindern bereitzustellen.“

 

Themenbereich: Situation der Kinderernährung in Deutschland

„Gesunde Lebensstile sind keine Frage der ‚freien Wahl‘“

Zu Beginn des ernährungs-fachspezifischen Teils des Fachgesprächs warf Julika Loss, die seit Mitte 2020 das Fachgebiet Gesundheitsverhalten des Robert-Koch-Instituts in Berlin leitet und zuvor als Professorin für Medizinische Soziologie an der Universität Regensburg forschte, ein Licht auf die Situation der Kinderernährung in Deutschland. Ergebnisse der „EsKiMo 2-Studie“ zeigten, dass insbesondere Kinder aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status überproportional häufig gesüßte Getränke verzehrten und einen hohen Bedarf an frischem Obst und Gemüse hätten. Zudem nutzten sie im Vergleich weniger Mittagsangebote im Rahmen der Schulverpflegung. „Gesunde Lebensstile sind keine Frage der ‚freien Wahl‘, sondern eher das Ergebnis von Möglichkeiten und Optionen, die für einen Menschen verfügbar sind“, schlussfolgerte Loss. Und die Wissenschaftlerin weiter: „Die Initiative der Kindergarantie ist daher extrem begrüßenswert, da sie darauf abzielt, die Folgen der sozialen Ungleichheit für die Ernährungsweise von Kindern abzubauen.“

 

„Es braucht politischen Willen“

Stephan Wahlen gab einen Impuls zu der Frage, wie sich soziale Unterschiede in Unterschiede des Verhaltens bei der Kinderernährung „übersetzen“ und wie „Ernährungsgerechtigkeit“ angesichts der sozialen Ungleichheit gestaltet werden könnte. Der Professor für Ernährungssoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen warb dafür, bei dem Zugang zu gesunder Ernährung nicht nur ökonomische Unterstützung, sondern auch kulturelle Aspekte mitzudenken, um Teilhabe zu ermöglichen. Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) pflichtete dem bei: „Es gibt kein kollektives ‚Wir‘ in Deutschland, wenn es darum geht, Kinderernährung zu gestalten. Dafür braucht es Profession vor Ort. Wenn junge Menschen in Deutschlands Kitas und Schulen mit einer gesundheitsförderlichen und nachhaltigen Ernährungsweise aufwachsen sollen, unterliegt das nicht den Gesetzen der freien Marktwirtschaft sondern muss und kann gesteuert werden. Wir haben in Deutschland viel Wissen, es braucht aber auch den politischen Willen und die Umsetzung vor Ort.“

 

Themenbereich: Ernährungssituation in der Perinatalphase – langfristige Bedeutung der „ersten 1.000 Tage“


In Prävention investieren: „Ein Kind is(s)t das, was die Mutter isst.“

 

Ein Fokus des Fachgesprächs lag auf der langfristigen Bedeutung der „ersten 1.000 Tage“ im Leben von Kindern (Perinatalphase) mit Blick auf ihre Ernährung. Die Kinderärztin Regina Ensenauer („Ein Kind is(s)t das, was die Mutter isst“) vom Max-Rubner-Institut erläuterte, dass das mütterliche Gewicht in Schwangerschaften sowie die Dauer des Stillens langfristige Auswirkungen auf die kindliche Gewichtsentwicklung habe – Kinder adipöser Mütter würden häufiger übergewichtig. Auch Aleyd von Gartzen vom Deutschen Hebammen Verband betonte das Potenzial der ersten 1.000 Tage im Leben eines Kindes. Stillen sei die optimale Ernährungsform für einen Säugling, weil es das Risiko für viele Krankheiten sowohl für Kinder als auch für ihre Mütter maßgeblich senke. Die WHO wolle bis 2025 die Rate der in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillten Kinder auf 50 Prozent steigern. Schon Eltern sollten an ein bewussteres Ernährungsverhalten herangeführt werden, wobei Hebammen eine besondere Bedeutung zukäme, da sie durch den oft umfangreichen Betreuungszeitraum in der Lage seien, das Essverhalten der Familie positiv zu beeinflussen. Mechthild Paul (Nationales Zentrum frühe Hilfen) plädierte für mehr „Familienorientierung“, Partizipation und Wertschätzung. Eltern sollten besser mitgenommen und dafür auch neue Wege der Kommunikation genutzt werden. Zudem sollten gesundheitsfördernde Settings für Familien und ihre Kinder geschaffen werden. Sie sprach sich weiterhin dafür aus, die Folgen der Corona-Krise für die Kinderernährung zu untersuchen. Jetzt müsse in Prävention investiert werden, um langfristige Verbesserungen zu erzielen, betonte Paul. Katharina Krüger (Netzwerk Gesund ins Leben an der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung), sprach sich für die Verständigung auf einheitliche und eindeutige Botschaften beispielsweise zu Ernährung und Bewegung in Schwangerschaft, Säuglings- und Kleinkindalter aus. Ein effizienter Weg sei es Multiplikator*innen zu diesen Inhalten zu qualifizieren, die in dieser Phase mit jungen und werdenden Eltern in Kontakt stehen. So kann es gelingen Verunsicherung bei Familien, die durch unterschiedliche Botschaften entsteht, zu vermeiden.

 

Themenbereich: Ernährungssituation in Kitas und Schulen in Deutschland


Kita- und Schulverpflegung prädestiniert für Paradigmenwechsel

Wie sieht es hierzulande an Kitas und Schulen in punkto ausgewogener Ernährung aus?
Ulrike Arens-Azevedo, Professorin für Oecotrophologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) skizzierte die Ausgangslage in Deutschland. Laut EsKiMo II Studie (2020) könnten 87 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine warme Mahlzeit in der Schule erhalten, nur 43 Prozent würden diese aber auch in Anspruch nehmen. Im Rahmen des Programms Bildung und Teilhabe (BuT) sind Mittagessen in Schule oder Kita für Leistungsempfänger zwar kostenfrei, die Inanspruchnahme von BuT sei aufgrund diverser Hürden, wie zum Beispiel umfangreiche Anträge, jedoch gering. Arens-Azevedo führte aus, dass gerade die Kita- und Schulverpflegung ein Motor des Wandels in eine nachhaltigere Welt gilt. Diese mache bis zu 40 Prozent der Tagesenergie von Kindern aus, zudem wären wichtige Ziele der Gesundheitsförderung und -erhaltung mit der Kita- und Schulverpflegung erreichbar. Nicht zuletzt sei mit ihr durch die langfristige Wirkung eine positive Prägung des Ernährungsverhaltens von Kindern möglich.

 

Weitere Kurzstatements gaben Waltraud Weegemann vom Deutschen Kitaverband, Katja Flämig, (Deutsches Jugendinstitut), Sabine Schulze-Greve von der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung Berlin e.V.) und Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule (NQZ).

 

Katja Flämig (DJI) hob hervor, dass die Umsetzung von Ernährungsstandards in Kindertageseinrichtungen noch nicht weit fortgeschritten sei und Befragungen von Leitungen, Trägervertretungen und pädagogischen Fachkräften zeigten, dass Ernährungsstandards kaum bekannt sind. Wege ihrer Realisierung, Möglichkeiten der Flexibilisierung der Ernährungsstandards würden zu selten in Fortbildungen mit pädagogischen Fachkräften aufgegriffen. Zudem benötigten Kindertageseinrichtungen verbindliche Konzepte des Umgangs mit den Diskrepanzen zwischen der Ernährung in der Kita und der Ernährung im familiären Umfeld.
Waltraud Weegemann (Deutscher Kitaverband) wies darauf hin, dass die Bedeutung der Kitaverpflegung durch die steigenden Betreuungszeiten der Kinder wachse und zum anderen die Kinder das Ernährungsthema aus der Kita in die Familien hineintrügen. Aufgrund der großen Bedeutung des Themas würden Träger dies häufiger aktiv aufgreifen, jedoch seien nicht alle organisatorisch und budgetär dazu in der Lage. Sie schlug unter anderem vor, jeder KiTa eine ausgebildete Ernährungsfachkraft zur Seite zu stellen.
„Kitas und Schulen sind prädestiniert für einen Paradigmenwechsel“, sagt Anke Oepping (NQZ). Hier finde erlebnisorientierte Bildung statt, nicht nur kognitive Vermittlung. „Wir müssen den Kindern mehr zutrauen, ihre Ernährung mitzugestalten. Mein Plädoyer: wissenschaftliche Erkenntnisse, kulturelle Aspekte und Kinder- und Jugendengagement einbinden“, so Oepping. Die Expertin warb zudem für ein bundesweites Monitoring aus der Public-Health-Perspektive. In Deutschland seien an der Ernährungsthematik in Kitas und Schulen viele unterschiedliche Ressorts beteiligt. Auch Sabine Schulz-Greve von der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung Berlin e.V. forderte verbindliche Standards und esskulturelle Vielfalt. So funktionierten DGE-Standards nicht nur mit traditionell deutscher Küche, sondern man könne daraus auch eine kulturspezifische Ernährung ableiten und umsetzen. Zudem warb sie für einen Wechsel vom Preiswettbewerb zum Qualitätswettbewerb. Das elternkostenbeteiligungsfreie Schulessen in der Primarstufe des Landes Berlin (Jg. 1-6) sei für viele Akteure der Schulernährung attraktiv. Es würden Diskriminierungserfahrungen bei den Kindern und Eltern vermieden, Bürokratie abgebaut und die Zahl der Tischgäste erhöht. Durch qualitative und quantitative Vorgaben bezüglich nachhaltig erzeugter Lebensmittel bei der Vergabe von Kita- und Schulverpflegung würden (regionale) Wertschöpfungsketten befördert.

 

Fazit

 

Insgesamt waren sich die Teilnehmenden einig, dass das Teilziel der Child Guarantee, die Ernährungsbenachteiligungen von armen und armutsgefährdeten sowie auf andere Weise von Teilhaberisiken bedrohten Kinder abzubauen, eine wichtige Aufgabe darstellt. Der enge Zusammenhang von sozioökonomischer Ungleichheit, der ungleichen Verteilung von ausgewogener Ernährung in der Bevölkerung und ungleicher gesundheitlicher Chancen müsse aufgebrochen werden.
Unterstrichen wurde die Chance, das Ernährungsverhalten von Kindern und ihren Familien langfristig zu prägen. Dabei spielten bereits die ersten 1.000 Tage eine besondere Rolle, unter anderem weil Eltern zu diesem Zeitpunkt zum einen Eltern für Tipps und Unterstützung besonders zugänglich seien und gleichzeitig wichtige Weichen für das weitere familiale Ernährungsverhalten gestellt würden.   
Hinsichtlich der institutionellen Betreuung würden viele Kinder gesundheitlich wie sozial von einer beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung im Sinne der Chancengerechtigkeit profitieren. Plädiert wurde für die schrittweise Einführung einer beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung auf Grundlage eines wissenschaftlichen Implementierungs- und Evaluierungsprogramms. Gerade die Kita- und Schulverpflegung besäße das Potenzial des Wandels hin zu einem gesünderen Ernährungsverhalten für alle Kinder und ihren Familien.
Für die Umsetzung wurden unter anderem vorgeschlagen, die flächendeckende Ernährungsbildung für Kinder und Eltern zu fördern, damit eigenverantwortliche Entscheidungen für eine ausgewogene Ernährungsweise getroffen werden können. Eltern sollten bei der Gestaltung der Essenskultur in den Einrichtungen miteinbezogen werden. Ernährung müsse in Kitas und Schulen auch als Bildungsthema begriffen und die Ernährungs- und Gesundheitskompetenz der Fachkräfte in Kitas und Schulen müsse gefördert werden. Dafür sollte die Ernährungsbildung im Rahmen der Erzieher:innenausbildung mehr Raum erhalten. Zudem sei die konsequente Umsetzung von Qualitätsstandards für die Ernährung in Kitas und Schulen wichtig.