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Die AGF wird 60!

60 Jahre AGF

 

[25. 3. 2014] Heute vor genau 60 Jahren fand die Gründungsversammlung der AGF statt. Von 10 Uhr bis 15.30 Uhr tagten die Vertreter/innen der drei Gründungsorganisationen DFV, FDK und eaf und fassten die ersten Beschlüsse. Zu diesem Anlass blickt die AGF ab heute mit einer unregelmäßgen Artikelfolge auf ihr 60-jähriges Wirken zurück.

 

Die erste Zeit. Gründung und Entwicklung der AGF in den fünfziger Jahren

(Autorin: Dr. Vera Urban)

 

Hintergrund

 

Das Wirtschaftswunder war im vollen Gange, die Geschäfte gefüllt und der Aufschwung nach der langen Kriegszeit an jeder Ecke spürbar, als die Familienpolitik unter Bundeskanzler Konrad Adenauer ihr eigenes Profil bekam. In dieser Zeit wurde die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen, damals „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Familienorganisationen“, gegründet.

Als „Bundesministerium für Familienfragen“ wurde das erste Bundesfamilienministerium im Oktober 1953 konstituiert. Es bildete eine der Neuerungen der zweiten Legislaturperiode der Bundesrepublik unter der Regierung Adenauer. Die Gründung war in den politischen Lagern umstritten. Zunächst war geplant gewesen, ein Familienreferat im Bundesinnenministerium einzurichten. Es gab unterschiedliche Auffassungen darüber, inwieweit Familienpolitik durch ein Ministerium institutionalisiert werden sollte und inwiefern Familie überhaupt eine staatliche Angelegenheit sei. Mit der Einrichtung des Ministeriums änderte sich zugleich die gesellschaftspolitische Landschaft der jungen Bundesrepublik. Der Deutsche Familienverband (DFV) hatte sich bereits 1948 neu gegründet. Nun aber, in der Mitte der fünfziger Jahre, bildeten sich rasch weitere familienpolitisch ausgerichtete Organisationen. Im Laufe des Jahres 1953 formierte sich der bald sehr mitgliederstarke Familienbund der Deutschen Katholiken (FDK) – der Familienbund nannte sich im Jahr 2000 in „Familienbund der Katholiken“ um – und im September wurde die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (EAF) ins Leben gerufen, um die evangelischen Belange in der Familienpolitik auf Bundesebene zu vertreten. Seit 2014 heißt sie „evangelische arbeitsgemeinschaft familie“.

Der erste Bundesfamilienminister, Dr. Franz-Josef Wuermeling, ein überzeugter Katholik und für seine offensiven familienpolitischen Aktivitäten schon lange bekannt, holte die familienpolitischen Organisationen 1954 in den neu gegründeten Beirat des Ministeriums. So konnte er auf die Sachkenntnis der Verbände zurückgreifen und zugleich durch den Einbezug gesellschaftlicher und konfessioneller Kräfte das Familienministerium als Einrichtung in der Regierungspolitik politisch stärken.

 

Die AGF gründet sich

 

Die drei Familienorganisationen DFV, FDK und EAF suchten sich von Anfang an gegenseitig durch Kooperation zu stärken, wobei der DFV die treibende Kraft war und personelle Netzwerke in der damals sehr überschaubaren familienpolitischen Landschaft eine große Rolle einnahmen. Zunächst gab es, wie aus Archivakten hervorgeht, Kooperationsüberlegungen des DFV mit dem FDK, die unmittelbar nach Gründung der EAF auch diese einbezogen. Gespräche zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft für die Familienorganisationen liefen zwischen den drei Verbänden bereits seit Herbst 1953. Die sondierenden Zusammentreffen und Aushandlungen verstärkten sich zunehmend. Hierbei hatten nicht nur die Vertreter/innen der Organisationen, sondern auch der Familienminister selbst Interesse an einer Arbeitsgemeinschaft und befürworteten ihre Bildung.

 

Die konstituierende Sitzung der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Familienorganisationen“ fand am 25. März 1954 im Adam-Stegerwald-Haus in Königswinter statt.
Die drei Verbände unterzeichneten eine Vereinbarung zur Bildung der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Familienorganisation“, die „zur wirksameren Vertretung gemeinsamer sozialpolitischer Anliegen und Aufgaben“ dienen sollte. Der Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft sollte jährlich wechseln, Beratungen frei auf Vorschlag einer der angeschlossenen Organisationen einberufen und unter dem Präsidenten festgelegt werden. Beschlüsse müssten einstimmig gefasst und wichtige Schriftstücke mit Unterschrift der Präsidenten oder deren Beauftragten gezeichnet werden. Die erste Federführung übernahm der DFV.
Nach dem ersten Tagesordnungspunkt der Sitzung „Bildung der Arbeitsgemeinschaft“, folgte der zweite zur „Vorbereitung des Weltkongresses der U.I.O.F in Stuttgart“. Damit war das erste Aktivitätsfeld der AGF bereits umrissen: Der Weltkongress der Union Internationale des Organismes Familiaux; also der Internationalen Union der Familienverbände. Die Zeit drängte im Frühjahr 1954, denn der Kongress sollte bereits im September desselben Jahres stattfinden. Seitens der Bundespolitik war die zu gründende Arbeitsgemeinschaft bereits als Vorbereitungsgremium für diesen Kongress vorgesehen worden.
Der dritte Tagesordnungspunkt der konstituierenden Sitzung der AGF betraf die Aufteilung des vom Bundesinnenministerium für die Familienorganisationen vorgesehenen finanziellen Zuschusses, über dessen Verteilungsschlüssel die Vertreter der drei Familienorganisationen zu entscheiden hatten. Letztlich entschieden die Teilnehmenden in der Sitzung noch über einen personellen Vorschlag für die Berufung in den „Beirat des Bundesauschusses für gesundheitliche Volksbelehrung, welcher dem Bundesfamilienminister unterbreitet werden sollte. Zudem sollte die Bildung der AGF in politischen Kreisen und der Presse bekannt gemacht werden.
Laut Protokoll wurde die konstituierende Sitzung der AGF um 15.30 Uhr am 25. März 1954 nach fünfeinhalb Stunden beendet. Der Grundstein für eine langjährige Zusammenarbeit der ersten drei Familienverbände der AGF war nun offiziell gelegt.

 

Erste Aufgaben und Aktivitäten


Zunächst also lag die Vorbereitung des Weltkongresses in Stuttgart in den Händen der AGF-Organisationen und damit begann auch das vertiefte Knüpfen internationaler Kontakte. Die internationale Linie der Arbeit der AGF war damit gesetzt und trug in der Folge dazu bei, dass die Interessen deutscher Familienorganisationen auch auf Kongressen im Ausland diskutiert werden konnten. Eine solche Teilnahme besaß in der Nachkriegszeit große Bedeutung und sorgte auch für inhaltliche Anregungen innerhalb der Verbände. Das Deutsche Nationalkomitee für die Internationale Union der Familienverbände wurde im Juli 1954 gegründet und beschloss zugleich, dass der Vorsitz durch den jeweiligen Vorsitzenden der AGF ausgeübt werden solle. Der von den AGF-Verbänden vorbereitete Kongress verlief erfolgreich und wurde als Zeichen einer fruchtbaren Zusammenarbeit der Verbände auch in der „familienpolitischen Arbeit der Zukunft“ gewertet.


Diese nun spiegelte recht genau den familienpolitischen Kontext und die vorherrschenden Vorstellungen ihrer Zeit und verwob sich mit den jeweils aktuellen Fragestellungen. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es noch immer Wohnungsnot in der Bundesrepublik. Diese war nicht nur durch die Zerstörung von Wohnraum durch den Krieg verursacht, sondern wurde auch durch die Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft in dieser Zeit und weitere Personengruppen, beispielsweise Übersiedlern aus der DDR, genährt.

 

Erste gemeinsame Positionen

 

Die wohl erste gemeinsame Verlautbarung der AGF-Verbände war die „Entschließung zur Frage der Erstellung von Eigenheimen“ vom 5. Januar 1955. Die drei Familienorganisationen EAF, FDK und DFV forderten die Möglichkeit zum Eigenheimerwerb und zeichneten das Bild eines familiären Mehrgenerationenhauses mit Garten, das „ein Aufwachsen gesunder Kinder in enger Verbundenheit mit Boden, Pflanzen und Tieren, abseits von den Gefahren der Straße und des Großstadtlebens“ ermögliche. „Zahlreiche Aufgaben“, so die Entschließung an anderer Stelle, „die sonst in Kindergärten und Altenheimen nur hilfsweise unter Heranziehung der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege gelöst werden müssen, könnten damit in den Bereich der Selbsthilfe der Familie zurückgeführt werden.“ Ziel einer Familienheimgesetzgebung müsse es sein, „dass Zins und Amortisation des Heims die Miete einer entsprechenden Mietwohnung nicht übersteigen.“ Um Bodenspekulation zu verhindern und familiengerechten Wohnraum zu fördern, forderten die AGF-Organisationen unter Verweis auf die Übereinstimmung mit „den beiden christlichen Kirchen“ in Deutschland, dass „notfalls auch eine Änderung des Grundgesetzes“ in Erwägung gezogen werden müsse. Weiteres Thema war – ebenfalls ganz im Zeichen der Zeit – der Familienlastenausgleich. Neben der Ausgestaltung der Steuer für Familien war die Frage der Gestaltung des Kindergeldes von großer Bedeutung. Im Jahr 1954 war das Drittkindergeld zunächst über eine Arbeitgeberumlage eingeführt worden.

 

Am 3. Oktober 1957 hatte die AGF in einem Schreiben an Bundeskanzler Adenauer Unterstützung für Franz-Josef Wuermeling als Bundesfamilienminister demonstriert. Diesem Brief war eine zweiseitige Anlage zu „Aufgaben und Ziele kommender Familienpolitik“ beigefügt. Beschrieben waren die vier Ziele „die den Familienverbänden besonders am Herzen liegen“, wie es im Anschreiben an den Bundeskanzler hieß. Diese sollten möglichst in die anstehende Regierungserklärung aufgenommen und in der dritten Legislaturperiode verwirklich werden.
An erster Stelle stand die „Förderung der sittlichen Selbsterhaltung der Familie“. Für diese wurde u.a. eine „planmäßige Elternbildung, Förderung von Mütterschulen und Bräutekursen“, sowie der „Ausbau der Mädchenbildung für ihren künftigen Frauen und Mütterberuf“ gefordert. Der zweite Punkt benannte die „Fortführung des Familienlastenausgleichs“. Hier wurde vor allem die Einführung des Kindergelds für das zweite Kind angemahnt. (Dieses wurde im Jahr 1961 realisiert.) Die AGF forderte zudem, dass in der Ehegattenbesteuerung Ehepaare mit Kindern gegenüber kinderlosen Ehepaaren in „gerechter Weise“ berücksichtigt werden sollten. Der dritte Punkt der programmatischen Anlage betraf die „Gesunderhaltung der Familie“. Verlangt wurde u.a. die Stärkung der Müttergenesungsheime, die Heranbildung von Familien- und Hauspflegerinnen für kinderreiche Mütter und die Familienerholung. Als vierter und abschließender Punkt wurde die „Erneuerung des Bodenrechts“ genannt. Der Kaufpreis für Grundstücke zum Eigenheimbau solle erschwinglich bleiben.
In mehreren veröffentlichten Entschließungen und anderen Forderungen zeigt sich, dass die AGF sich zudem für Baupolitik hinsichtlich Bildungseinrichtungen, für Lebensmittelgesetze und weitere die Familien berührende Fragen einsetzte.

 

Die AGF wird zum Kristallisationspunkt

 

Die Familienverbände vertraten ihre, in dieser Zeit auf einem eher einheitlichen, kirchlich geprägten Familienbild der jungen (Mehr-) Kind-Familie beruhenden, Forderungen jeweils gegenüber den zuständigen Ministerien. Im Januar 1956 wurde die Anerkennung der Mitgliedsverbände der AGF als Fachverbände bei den einzelnen Ministerien beantragt. Im Beirat des Bundesfamilienministeriums waren die Verbände des DFV, EAF und FDK seit Beginn vertreten. Sie schieden jedoch 1959 aus, als der Beirat umstrukturiert wurde und im Anschluss fast ausschließlich mit Personen aus der Wissenschaft zusammengesetzt war. Seit 1955 waren zeitweilig vier Familienorganisationen in der AGF vereint, da im Herbst 1955 der Bund der Kinderreichen Deutschlands in die AGF aufgenommen worden war. Im März 1969 fand die 'Fusion' des Bundes der kinderreichen und jungen Familien Deutschlands, wie der BDK damals hieß, und des Deutschen Familienverbandes statt. Mit ihren regelmäßigen Sitzungen, internationalen Aktivitäten des DNK, den gemeinsamen familienpolitischen Entschließungen und enger Zusammenarbeit bildete die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen für die Familienverbände einen Kristallisationspunkt gemeinsamer Aktivitäten. Daher traten seit dem Ende der fünfziger Jahre zunehmend auch Landeskreise der Familienorganisationen zu Arbeitsgemeinschaften zusammen. Eine eigene Geschäftsstelle wurde diskutiert, aber die Rotation der Federführung bei den Verbänden und damit der Wechsel von Ort und Personen der Geschäftsführung bevorzugt.

 

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Quellen- und Literaturangaben


1. Unveröffentlichte Quellen:
1.1 Diözesanarchiv Berlin:
-DAB IV/60-17-1-1 (03.1954-12.1967)

 

1.2 Evangelisches Zentralarchiv Berlin
-EZA 87/89 08.1952-041954
-EZA 99/718 01.1953-08.1954
-EZA 99/719 07.1954-11.1954
-EZA 2/3782 07.1953-02.1957

2. Literatur (Auswahl)

  • Gerlach, Irene, Familienpolitik, 2. üb. Auflage, Wiesbaden 2010.
  • Kuller, Christiane, Familienpolitik im föderativen Sozialstaat: die Formierung eines Politikfeldes in der Bundesrepublik 1949-1975, München 2004.
  • Münch, Ursula, Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Maßnahmen, Defizite, Organisation familienpolitischer Staatstätigkeit, Freiburg im Breisgau 1990.
  • Noll, Dorothea, >>…ohne Hoffnung im Alter jeweils nur einen Pfennig Rente zu erhalten…<< Die Geschichte der weiblichen Erwerbsbiographie in der gesetzlichen Rentenversicherung. [Studien zur europäischen Rechtsgeschichte. Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für europäisches Recht Frankfurt am Main Bd 254; Lebensalter und Recht Bd. 4. Hrsg von Stefan Ruppert] Frankfurt am Main 2010.

 

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